Bild: Michael Günther

IBZ Königsheide – Geschichts- und Demokratievermittlung

Wer sich auf historische Spurensuche im Ortsteil Berlin-Johannisthal begibt, stößt unweigerlich auf ein großes, parkähnlich angelegtes Wohnareal mit viel Grünflächen, Bäumen mit Nistkästen und Spielplätzen zwischen aufwändig restaurierten zweistöckigen Häuserblöcken. Ein begehrter Wohnort, vor allem für Alleinstehende, aber auch Klein-Familien mit Kindern. Die Bushaltestelle kündet von der ursprünglichen Einrichtung, die sich hier in der Nähe zum S-Bahnhof Schöneweide in der Südostallee zu DDR-Zeiten befand: Das Kinderheim Königsheide – vielen Menschen, vor allem ehemaligen Heimkindern und Mitarbeitenden oder auch vormaliger Nachbarschaft ist das Heim eher geläufig unter dem Namen Kinderheim – genauer Heimkombinat – A. S. Makarenko – auch wenn es nur kurze Zeit – 5 Jahre – seines über 40jährigen Bestehens so hieß.

Das Kinderheim A. S. Makarenko

Es war das größte Normal- (und ab 1981 Hilfsschul-) Kinderheim der DDR und ist im Jahre 1953 mit zu dieser Zeit unwahrscheinlich hohen Investitionen mit großem Impetus errichtet worden: In diesem Vorzeigeheim der DDR, sollte das Heranwachsen der sozialistischen Persönlichkeit in Reinform gelingen. Groß waren daher die Anstrengungen nach allen Seiten, den Kindern, die hier aus unterschiedlichsten und sich über die Jahre auch stark wandelnden Gründen ihr Zuhause fanden.

Es gab hier alles, was das Herz begehrte: angefangen von schönen Wohnhäusern, einer heimeigenen Schule, Kleinkind- und Säuglingsstation, einem Ambulatorium und natürlich allen Gewerken von der Großküche, Wäscherei, Bibliothek, Planschbecken etc. bis hin zum Heimzoo. Es ist das einzige Kinderheim in der DDR für die ersten zwei Jahrzehnte ihres Bestehen, dass eigens neu errichtet wurde. Es hatte Platz für bis zu 600 Kinder, die dort in der Altersspanne von 0 bis 18 Jahren abseits von familiären Strukturen lebten, lernten und heranwuchsen.

Architektur und Kunst am Bau

 Das gesamte Gebäudeensemble ist in seiner äußeren Erscheinung originalgetreu und nach strengen Auflagen des Denkmalschutzes restauriert worden. Und das hat seinen Grund: hier sind auf einem Fleck die Spuren namhafter Künstler der DDR verewigt. An keinem anderen Ort in Ostdeutschland und Berlin findet sich eine solche beeindruckende Kunstschau des einst vom Berliner Magistrat beauftragten Künstlerkollektivs unter der Leitung von Bert Heller. Die mit einer aufwändigen Kratzputztechnik gestalteten Sgraffitis zeugen ebenso wie die eindrucksvollen Glasfenster vom Glanz vergangener Zeiten.

Was den historischen Ort auszeichnet

Das Kinderheim in der Königsheide zählt heute zu einer der größten Einrichtungen der Jugendhilfe der DDR mit über 40 Jahre währender Geschichte. Es haben Schätzungen zufolge mehr als 25.000 Säuglinge, Kinder und Jugendliche hier gelebt. Hinzu kommt eine immens hohe Anzahl an Menschen, die hier in unterschiedlichen Funktionen und Metiers gearbeitet haben.

Unser Lehrauftrag

Orte mit staatlichem Erziehungsauftrag sind immer zugleich Spiegel des Zeitgeistes, der durch sie weht. Das gilt ganz besonders für die Königsheide. Demokratie lernen, heißt verstehen, was es bedeutet, wenn seine Grundsätze nicht gelten in einer Gesellschaft. Wenn der Souverän nicht das Volk ist, wenn keine Rechtsstaatlichkeit herrscht, Gewaltenteilung fehlt und Freiheit sowie individuelle Persönlichkeitsentwicklung unterbunden werden. Es ist daher wichtig, dass der Öffentlichkeit Zugang zur Geschichte und Bedeutsamkeit dieses historischen Ortes möglich ist.

Wie gestaltete sich das Heimleben, was bedeutete es, hier Heimkind zu sein, welche Strukturen prägten die Arbeitswelt in der Königsheide, wie äußerte sich der staatliche Wunsch, ein Vorzeigeheim der DDR zu erschaffen und mit Leben zu füllen? Wie wurde pädagogisch gearbeitet, welche Regelwerke galten, welche Geheimnisse und Geschichten bergen alle diese Häuser in der Königsheide, die zusammen ein Bild von dem ergeben, was sich hier zur Heimzeit mit völlig unterschiedlichen Auswirkungen zugetragen hat.

Die besondere am Heimleben

Wir lernen aus Geschichte. Vor allem dann, wenn der Nachwelt deutlich wird, wie in einer vom Staat eingerichteten Institution durch Vorgabe von Strukturen, gedanklichem Überbau, gesellschaftlichem Normengefüge menschliches Handeln und Wirken konkrete Auswirkungen auf die in ihm lebenden Menschen hat. Kinder und Jugendliche sind stets Schutzbefohlene. Sie sind machtlos und ausgeliefert, wenn die Vorgaben einer staatlichen Erziehungsinstitution an einem Ideal orientiert sind, das vor allem politische Zwecke mit Erziehung verknüpft. Deswegen ist geschichtliche Aufarbeitung elementar, um zu sehen, wann an welchem Ort, Menschen in welcher Form pädagogisch auf ihre Schützlinge einwirkten und welche Lehren wir daraus für heute zu ziehen haben.

Wir vermitteln Geschichts- und Demokratieverständnis

Genau darum kümmern wir uns in unserem IBZ am historischen Ort des einstigen Vorzeigeheimes der DDR. Für die Bildungsarbeit und Vermittlung von Demokratieverständnis ist unser Verein Stiftung Königsheide e. V. verantwortlich. Dieser Verein wurde im Jahre 2014 dem Verein ehemaliger Heimkinder – und Heimbewohnenden „Königsheider Eichhörnchen e. V. – gegründet im Jahre 2008 – an die Seite gestellt, um den Aufbau des Informations- und Begegnungszentrums (IBZ) Königsheide zu realisieren und dem sich selbst erteilten Auftrag, alle Geschichten, Ereignisse, Dokumente, Gegenstände, Fotos, Zeitzeugnisse in jeder Form zu sammeln, zu sichten und für die Nachwelt über ein im Aufbau befindlichen digitalen Archivs zugänglich zu machen. 2018 wurde das IBZ Königsheide mit einer von der Bundesstiftung Aufarbeitung finanzierten Dauerausstellung eröffnet.

Seither findet neben vielen anderen Aufgaben für ein wachsendes Team an engagierten Ehrenamtlichen in unterschiedlicher Form Bildungsarbeit auf den verschiedensten Ebenen statt. So fanden mehrere Hochschulseminare mit den Bibliothekswissenschaften der HU Berlin statt, deren Ergebnisse im Internet-auch vor Ort auf einem großen Touchscreen neben einer Hörstation und zwei Screeningflächen für historisches Bild- und Videomaterial zu sehen sind. Viele Exkursionen und Projekte von Schulen, pädagogischen und wissenschaftlichen Ausbildungseinrichtungen prägen die Arbeit vor Ort.

Alle an diesem Geschichtsvermittlungsprozess Mitwirkenden sind von dem Geist getragen, für viele Interessierte Besucherinnen und Besucher ganz persönliche Lehrstunden zu ermöglichen und sie um Einblicke in die bisher gewonnenen Erkenntnisse zum ehemals größten Kinderheim in der Königsheide zu bereichern. Wir verstehen uns somit als Vermittlungsinstanz an einem wichtigen Lernort.

Unser Auftrag ist es, vor allem nachwachsenden Generationen anhand der Geschichte des ehemaligen Kinderheimes A. S. Makarenko geschichtliche Zusammenhänge mit ihren Auswirkungen auf die Menschen verstehen zu lernen und daraus die richtigen Lehren für Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Das ist unser herer Anspruch.